Die Käuflichkeit der Welt zwischen Recht und Macht
AARAU
Das Freilichttheater unter der Regie von Peter Voellmy wartet heuer
mit einer Mundartversion von Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten
Dame» auf.
HEINZ BüRKI
Mit der Mundartbearbeitung und der
Inszenierung des Dürrenmatt-Klassikers «Der Besuch der alten Dame»
betritt das Aarauer Freilichttheater Neuland. Nicht zu seinem Schaden,
denn die Produktion bringt eine Qualitätssteigerung, welche vom
Premierenpublikum dankbar aufgenommen wurde.
Als Dramatiker bevorzugte Dürrenmatt die Form der
Tragikomödie, verbunden mit Elementen der Satire und Farce, des
schwarzen Humors und des Aberwitzes. Ein zentrales Thema seines
Schaffens ist die Spannung zwischen Recht und Macht. Neben der Aussage
von der Käuflichkeit der Welt respektive der Menschen ist das 1956
uraufgeführte Stück «Der Besuch der alten Dame» auch eine wunderbare
Komödie, wird doch darin der typische Opportunismus karikiert.
DEUTLICHE QUALITäTSSTEIGERUNG
Peter Voellmy hat sich an diesen schwierigen Stoff
herangewagt. Damit ist ihm eine Qualitätssteigerung vor allem gegenüber
den Produktionen der letzten zwei Jahre gelungen. Er hat den Text des
Autors mit Respekt behandelt, das Wesentliche nicht verfälscht und die
Menschen in einer einfachen, verständlichen Mundart sprechen lassen.
Durch die Kürzung des Stücks von drei auf zwei Stunden ist von der
Aussage her nichts verloren gegangen. Auf den Einbau von Bush, Hilary
Clinton, Moritz Leuenberger, Doris Leuthard und Marcel Ospel hätte man
allerdings gut verzichten können. Und dass ein Radioreporter noch einen
Beleuchter dabei hat, mutet auch ein bisschen komisch an.
Voellmy hat in seiner Inszenierung drei Spielebenen geschaffen: Güllen
auf und vor der grossen Bühne und die Absteige mit Balkon der Claire
Zachanassian erhöht daneben. An ein nicht eben reichhaltig
ausgestattetes Bühnenbild ist man sich aus den vergangenen Jahren
gewohnt. Diesmal vermag die Anlage doch mehr Wirkung zu erzielen.
ÜBERZEUGENDE HAUPTDARSTELLER
Monica Roth gibt die Claire Zachanassian nicht mit
übertriebener Härte, sondern gewichtet die menschliche Seite, auf der
ihre Forderung nach Gerechtigkeit, nach dem Tod von Alfred Ill, der sie
in jungen Jahren geschwängert und sitzen gelassen hat, basiert, sehr
stark. Ihr Gesicht, ihre ganze Erscheinung strahlt auch Wärme aus, und
das macht sie sympathisch. Jürg Veith interpretiert als Alfred Ill seine
drei Phasen ausgezeichnet. Die anfängliche Zuversicht mit den
überschwänglichen Schmeicheleien stellt er ebenso überzeugend und
kraftvoll dar wie die Angst und deren Überwindung. Die Lehrerin, eine
Figur nach eher althergebrachtem Muster und von Susanne Reber treffend
charakterisiert, symbolisiert das Versagen der Menschlichkeit, versteckt
schliesslich aber ihre Opportunität hinter der Floskel Gerechtigkeit.
AUSGEWOGENES TEAM
Markante Figuren sind Butler Boby (Heinz Herter) und der
Bürgermeister (Walter Fuchs), die über eine bemerkenswerte Sprechtechnik
verfügen. Loby und Koby (Martin Arnold und Bernhard Hehlen), die beiden
geblendeten und kastrierten ehemaligen Güllener, halten sich korrekt an
die Vorbilder grosser Bühnen und schlüpfen später in die Rollen der
Reporter. Ein Kränzchen winden darf man Susi Nussbaum (Frau Ill) und
ihren vier Kindern, die wiederum durch ihre Natürlichkeit gefallen. Auch
die andern Spielerinnen und Spieler fügen sich gut ins stark erneuerte
Team ein und tragen zu einer beachtlichen Ausgewogenheit bei.
Mit der BdaD-Dixie-Band (Max Sidler, Ernst Käser, Max Wehrli und
Willi-Marc Schmid) sorgen vier Musiker für die Einstimmung ins Stück und
für eine wirkungsvolle Begleitung relevanter Szenen. Das
Premierenpublikum spendete allen Mitwirkenden langanhaltenden Applaus.
Das Freilichttheater gastiert auf dem hinteren Schlossplatz noch bis zum
11. August, jeweils von Mittwoch bis Samstag. |